Kein Entweder-oder
Anders als in Deutschland kann man sich in Österreich in aller Regel nicht aus der gesetzlichen Krankenversicherung abmelden, wenn man privat versichert ist. Ausnahmen wie das Opting-Out betreffen kleine Gruppen, für sie bietet etwa die Wiener Städtische einen eigenen Sozialversicherungsersatz-Tarif an. Wer erwerbstätig ist, ist pflichtversichert, bei der ÖGK, der SVS, der BVAEB oder einer Krankenfürsorgeanstalt. Die private Krankenversicherung kommt zusätzlich dazu und baut auf der gesetzlichen auf. Viele private Tarife rechnen ausdrücklich mit der Kassenleistung, etwa beim Wahlarzt: Zuerst zahlt die Kasse, dann der Privatversicherer den Rest.
Im Spital
| Gesetzlich (allgemeine Klasse) | Mit privater Sonderklasse | |
|---|---|---|
| Zimmer | Mehrbettzimmer | Zweibett- oder Einbettzimmer |
| Ärztin oder Arzt | diensthabendes Team | frei wählbar im Vertragskrankenhaus |
| Termin für geplante Eingriffe | nach Planung des Spitals | flexibler, laut den Versicherern oft rascher |
| Eigene Kosten | Kostenbeitrag pro Tag, höchstens 28 Tage im Jahr | keine in Vertragskrankenhäusern, außer ein vereinbarter Selbstbehalt |
| Privatklinik | nur als Selbstzahler | gedeckt, wenn Vertragskrankenhaus |
Den Kostenbeitrag in der allgemeinen Klasse legen die Bundesländer fest. In Vorarlberg beträgt er 2026 laut den Landeskrankenhäusern 15,58 Euro pro Pflegetag, bei niedrigem Haushaltseinkommen 11,16 Euro. Aufnahme- und Entlassungstag zählen als Pflegetage, eingehoben wird für höchstens 28 Tage im Kalenderjahr. Ausgenommen sind unter anderem Patienten unter 18, das gilt in Vorarlberg seit 1. Jänner 2026, und Personen, die von der Rezeptgebühr befreit sind. Für Wien nennt die Allianz einen Durchschnitt von 13 bis 15 Euro, Stand Jänner 2024. Mitversicherte Angehörige von ÖGK-Versicherten zahlen einen eigenen, höheren Beitrag nach dem ASVG, in Vorarlberg 2026 31,30 Euro pro Tag. Die Beträge im Vergleich: Krankenhaus.
Wer ohne Zusatzversicherung die Sonderklasse will, zahlt Hauskosten und Arzthonorare selbst. Mit welchen Beträgen zu rechnen ist: Kosten der privaten Krankenversicherung.
Beim Arzt
Beim Kassenarzt reicht die e-card, die Kasse rechnet direkt ab. Beim Wahlarzt ohne Kassenvertrag zahlen Versicherte die Rechnung selbst und bekommen 80 Prozent des Kassentarifs zurück, also 80 Prozent dessen, was die Kasse einem Vertragsarzt für dieselbe Leistung bezahlt hätte. Seit 1. Juli 2024 müssen Wahlärzte mit mehr als 300 Patienten im Jahr die Rechnung dafür selbst elektronisch an ÖGK, BVAEB oder SVS übermitteln.
Je nach Kasse kommt ein Selbstbehalt dazu:
| Kasse | Selbstbehalt beim Arzt | Quelle |
|---|---|---|
| BVAEB | 20 Prozent seit 1. Juni 2026, vorher 10 Prozent, unter anderem bei Arztbesuchen, Diagnostik, Physio- und Psychotherapie und den meisten Zahnbehandlungen | ORF und 5min.at, 30.05.2026 |
| SVS | 20 Prozent bei ärztlicher und zahnärztlicher Behandlung, 10 Prozent mit erreichten Gesundheitszielen | svs.at |
Die Privatarzt-Versicherung setzt beim Wahlarzt an: Hat die Kasse einen Teil ersetzt, übernimmt sie bei DONAU, Wiener Städtische, Generali, GRAWE und Allianz den Rest zu 100 Prozent, sonst 80 Prozent, jeweils bis zu einem Jahreshöchstbetrag zwischen 1.400 und gut 10.000 Euro. Für die Gegenüberstellung der Tarife: Wahlarzt-Versicherung.
Rechenbeispiel: vier Tage Spital nach einer Blinddarmoperation
Aufnahme am Montag, Entlassung am Donnerstag, in einem Vorarlberger Landeskrankenhaus. Aufnahme- und Entlassungstag zählen mit, es sind vier Pflegetage.
- Allgemeine Klasse: 4 × 15,58 Euro Kostenbeitrag, zusammen 62,32 Euro.
- Sonderklasse ohne Zusatzversicherung: laut muki mehr als 2.000 Euro für eine Blinddarmoperation.
- Sonderklasse mit Zusatzversicherung im Vertragsspital: Das Spital rechnet direkt mit dem Versicherer ab, offen bleibt höchstens ein vereinbarter Selbstbehalt.
Beim Zahnarzt
Beim Zahnarzt deckt die Kasse die Grundversorgung, für Zahnersatz und Kieferregulierung gibt es eigene Regeln und Zuschüsse. Für SVS-Versicherte gilt auch hier der Selbstbehalt von 20 Prozent, für BVAEB-Versicherte seit Juni 2026 ebenfalls 20 Prozent bei den meisten zahnärztlichen Behandlungen. In den Sonderklasse-Tarifen der privaten Versicherer sind Zahnimplantate ausgeschlossen, Zahnleistungen gibt es nur über eigene Zahntarife. Mehr: Zahngesundheit und Zahnversicherung.
Was die gesetzliche Versicherung besser macht
Die gesetzliche Krankenversicherung ist eine Pflichtversicherung, sie fragt vor der Aufnahme nicht nach Vorerkrankungen. Die privaten Tarife tun das, und sie schließen Bereiche aus, für die weiter die Sozialversicherung zuständig bleibt: Rehabilitation, Geriatrie und Pflege stehen in den Informationsblättern der Sonderklasse-Tarife ausdrücklich unter „nicht versichert“. Die private Zusatzversicherung ist deshalb keine bessere Versicherung, sondern eine andere: Sie kauft Wahlfreiheit und Komfort dort, wo die gesetzliche den Standard festlegt.
Wann die private Zusatzversicherung sich lohnt
- wenn bei einer geplanten Operation Arzt, Termin und Spital selbst gewählt werden sollen,
- wenn regelmäßig Wahlärzte oder Therapeuten ohne Kassenvertrag besucht werden,
- vor einer geplanten Schwangerschaft, wegen der Wartezeit von bis zu neun Monaten,
- solange man jung und gesund ist, wegen der Gesundheitsprüfung beim Abschluss.
Die Entscheidungshilfe mit Zahlen: Wann lohnt sich eine PKV?
Quellen
- Vorarlberger Landeskrankenhäuser: Information über Kostenbeiträge 2026 (PDF)
- ORF: BVAEB erhöht Behandlungsbeitrag auf 20 Prozent (30.05.2026); 5min.at: Betroffene Leistungen (30.05.2026)
- Wiener Städtische: Informationsblatt MEDplus Sozialversicherungsersatz
- SVS: Selbständig Gesund (halber Selbstbehalt)
- Sozialministerium: Elektronische Übermittlung der Wahlarztrechnung (01.07.2024); Salzburg24: 80 Prozent des Kassentarifs (16.05.2024)
- Allianz: Sonderklasse und Privatarzt-Versicherung; muki: Sonderklasse Exklusiv